Die Krankenhaus-Fachabteilung der Inselklinik Heringsdorf / Haus Kulm 
VORGESTELLT VON EINER EHEMALIGEN PATIENTIN FÜR PATIENTEN


Neue Wege gehen

"Sie haben Angst vor Veränderungen."

hörte ich 2006 in einer Therapiestunde meine Therapeutin Frau Dr. K. in der Inselklinik sagen. Oh ja, wie recht sie hatte! Ich hatte Angst, furchtbare Angst!!! Ich bestritt diese Angst. - Natürlich! - Ich wusste zugleich, dass es SO nicht mehr weitergehen kann und darf. Dieses Leben wollte ich SO nicht mehr leben. Dieses Leben KONNTE ich SO nicht mehr leben.

Wenn ich heute all die Veränderungen im Einzelnen beschreiben und erklären würde, die ich seitdem in meinem Leben zugelassen und oft sogar bewusst herbeigeführt habe, könnte ich problemlos ein Buch füllen.

Noch vor Jahren hätte ich niemals geglaubt, dass ich diese Wege eines Tages gehen würde. So manchen Weg habe ich aus den verschiedensten Gründen abgebrochen, andere Wege laufe ich (manchmal mit Unterbrechung) weiter, weil sie sich für mich gut und "richtig" anfühlen. Insbesondere auf diesen Wegen entdecke ich immer wieder neue Seiten an mir, die sich ebenfalls gut und "richtig" anfühlen. Unabhängig davon, ob ich einen begonnenen Weg abgebrochen habe oder nicht, kann ich heute sagen, dass ich nicht einen einzigen Versuch, Wege in ein neues Leben zu finden, bereue. Insofern möchte ich jeden unbedingt ermutigen, NEUE WEGE auszuprobieren und alte Trampelpfade zu verlassen, die sich als unwegsam und zerstörerisch erwiesen haben.

Ich danke insbesondere meiner Ärztin und Therapeutin Frau Dr. K. dafür, dass sie mich in all den Jahren immer wieder ermutigt hat, NEUE WEGE zu gehen und alte Pfade zu verlassen, wenn sie kontraproduktiv waren. 

Die Einteilung meiner Wege in Notlösungen und Lösungen

Für mich waren manche Wege "nur" Notlösungen, die mir geholfen haben, schwierige Phasen zu überstehen. Andere Wege erscheinen mir derzeit als mögliche Lösungsvarianten, ein (aus meiner Sicht) sinnvolles und zufriedenes Leben zu führen. Deshalb habe ich diese Einteilung vorgenommen.
Im Abschnitt: "Neue Wege: Aktuell" ist mein derzeitiger Weg zu sehen. Er ist eher eine Notlösung, denn er hat mir geholfen, aus einem Loch herauszuklettern, aber dazu später mehr.

Vielleicht regt die eine oder andere von mir gefundene (Not-)-Lösung Leser dieser Webseite dazu an, für sich selbst nach passenden (Not-) Lösungen zu suchen, um schwierige Phasen zu überstehen und NEUE WEGE auszuprobieren. 

Neue Wege: Notlösungen

Notlösungen sind für mich nur Zwischenlösungen, die mir helfen, ein aktuelles Tief oder eine größere Krise  zu überwinden, meinem Tag eine Struktur zu geben und irgendwie das Gefühl zu bekommen, noch etwas leisten zu können. Ich definiere mich noch immer über Arbeit. Sie vermittelt mir ein extrem gutes Gefühl. Vielleicht auch deswegen, weil ich mich selbst nur schwer aushalten kann und mir das Arbeiten hilft, vor diesen Gefühlen wenigstens zeitweise wegzulaufen.Seit meinem Zusammenbruch 2005 habe ich heftige Probleme im Umgang mit Menschen. Meine Angst vor ihnen überfällt mich immer und immer wieder und so war und ist es für mich immer schwer, neue Wege zu gehen, besonders dann, wenn ich wieder in einer Krise stecke. Der Mensch ist ein soziales Wesen und auch ich will eigentlich Kontakt zu anderen Menschen haben. EIGENTLICH! Wenn die Angst nicht wäre!!!Nachfolgend habe ich einige meiner Notlösungen aufgeschrieben. Ja, es sind, es waren NEUE WEGE. Und ja, niemals hätte ich vorher gedacht, dass ich das alles jemals in meinem Leben tun würde. Jede einzelne dieser Notlösungen hatte ihre Berechtigung, schon allein deswegen, weil jede ihren Zweck erfüllt hat.

 

  • Ich lasse mich darauf ein, in eine Tagesklinik in Berlin zu gehen, auch wenn ich mir nie vorstellen konnte, mich jemals auf andere Therapeuten einzulassen als auf jene, denen ich inzwischen vertraute. Ich brauche viele Wochen, ehe ich da wirklich ankomme und mich einlassen kann. Die Fahrten bis hin zur Klinik sind täglich echte Mutproben für mich.
  • Ich arbeite ehrenamtlich in einem Seniorenheim, bilde mit Oskar ein Besuchshundteam. (Wahnsinn! Ich habe Angst vor fremden Menschen und tue es trotzdem.)
  • Ich falle wieder in ein tiefes Loch, suche mir eine nächtliche Tätigkeit, wo ich nichts mit Menschen zu tun haben muss: Ich trage nachts Zeitungen aus. Oskar ist (natürlich) dabei.
  • Ich suche mir eine Beschäftigung, die nur einen begrenzten Umgang mit Menschen erfordert und mir ungefährlich erscheint. Ich arbeite fast eineinhalb Jahre bei einem Lieferservice und beliefere Senioren mit Mittagessen. Der Spaßfaktor ist groß - ich fahre supergern Auto und die Omis und Opis bringen mich irgendwie zurück ins Leben und wieder ein bisschen mehr zu den Menschen ;-)
  • Ich arbeite nachts in einem Supermarkt und fülle Regale auf. 
  • Immer wieder schreibe ich Texte für verschiedene Onlineportale.Wenn es mir halbwegs gut geht, strukturiere ich mir damit den ganzen Tag. Für mich eine hervorragende Tätigkeit. Ich arbeite von Zuhause aus, kann so direkten Kontakten mit Menschen aus dem Weg gehen und habe doch Kontakt zu ihnen. Hoch lebe das Internet!  ;-)


Neue Wege: Lösungen

Ich habe seit meinem Zusammenbruch viele gute Entscheidungen getroffen. Alle waren mit einschneidenden Veränderungen verbunden und vor jeder einzelnen Veränderung, vor jeder einzelnen Entscheidung hatte ich eine riesige Angst. Ich bin froh, dass ich es geschafft habe, diese NEUEN WEGE zu gehen und meine Angst (teilweise) zu überwinden. Es gibt nicht eine einzige Entscheidung, die ich heute bereuen würde. Jede Entscheidung hat mich voran gebracht. Nachfolgend ein paar Beispiele meiner NEUEN WEGE: 

  • Labrador-Welpe Oskar zieht bei mir ein (Wow, ich habe eigentlich Angst vor Hunden!) Oskar wird mein ganz persönlicher Therapiehund. Ich bilde ihn aus, kuschele mit ihm und fühle mich mit ihm sicherer, wenn ich unterwegs sein muss. Er holt mich mit seiner Fröhlichkeit aus so manchem Tief heraus. (siehe auch "Vier Pfoten gegen die Depression - Hunde als Therapiebegleiter" im Abschnitt: "Nachdenkliches" auf dieser Webseite)

  • Trennung vom Ehemann, eigene kleine Wohnung. Oskar ist weiter an meiner Seite. Die Scheidung zwei Jahre später überstehe ich fast unbeschadet. Noch heute empfinde ich die Trennung als eine Befreiung! Ein unglaubliches Gefühl! Ein extrem dauerhaftes Gefühl!
     
  • Ich absolviere eine Hundetrainerausbildung, gehe trotz meiner Angst zu jedem Ausbildungstermin und schaffe einen tollen Abschluss, auch im praktischen Teil. 
     
  • Im Anschluss daran gründe ich Dogtraining Berlin - ein Hunde- und Menschentraining. Ich möchte mit Hunden arbeiten und mit Kindern an Grundschulen, um ihnen Kenntnisse über Hunde und Regeln für den sicheren Umgang mit ihnen zu vermitteln. (Das alles ist ein Wahnsinnsunternehmen angesichts der Angst, die ich vor Menschen habe! Ich tue es trotzdem, will die Angst besiegen. Nach eineinhalb Jahren breche ich die Arbeit mit Hundehaltern ab. Die Besuche in den Wohnungen fremder Menschen sind für mich ein kräftezehrender "Höllentrip", auch wenn mir niemand meine Angst anzumerken scheint und ich wohl ein gutes Training mache. Die Arbeit mit Kindern an Grundschulen setze ich nach einem weiteren Klinikaufenthalt fort. Als Anfang 2013 die Kraft dafür nicht mehr reicht, breche ich auch das ab. Die Kraft ist einfach komplett weg. Ich stürze wieder einmal ab.
     
  • Nach einem erfolglosen und kräftezehrenden dreijährigen Experiment, in Berlin in einer WG zu leben, entschließe ich mich 2015, in die Uckermark umzuziehen. Ein Volltreffer!!! Ich komme hier, in dieser menschenarmen Region, super klar, verbrauche kaum noch Kraft beim vorher täglichen Kampf gegen Trigger. Hier gibt es sie kaum.


Neuer Weg: Aktuell

Zu diesem Projekt gehört der Text vom 22. Januar 2013 "Alles hat ein Ende" . Auch der Text "Träumst du noch oder stirbst du schon?" vom 1. April 2013 ordnet sich hier ein. Die vergangenen Monate fühlten sich wie ein langsames Sterben an. Die Kraft für das Leben war total weg. Jetzt gibt es auf DAWANDA die Bude Kunterbunt, ein kleiner Onlineshop, der von mir gegründet wurde.  ;-) Hier habe ich alles zugleich: manuelles Herstellen von Produkten, Texte verfassen, Webseiten bauen, Suchmaschinenoptimierung, ... - Ich bin beschäftigt, und das ist gut so!!! Ich weiß noch nicht, ob das Buden-Projekt eine Notlösung ist und bleibt oder zur Lösung wird. Eine Notlösung ist die Bude auf jeden Fall. Ich habe eine Aufgabe, die mich eingefangen hat und mobilisiert. Der Antrieb ist wieder da. Auch die Lust, neue Dinge auszuprobieren und kreativ zu sein, ist zurück.Eventuell ist das Buden-Projekt eine potenzielle Lösung. Mit dem Arbeiten von Zuhause aus habe ich bisher sehr gute Erfahrungen gesammelt. Ich habe Kontakt zu Menschen und habe ihn doch nicht. Die Angst ist kontrollierbar. Vielleicht ist das DIE Lösung? Mal sehen. Ich werde jetzt keine Entscheidung diesbezüglich treffen, muss auch schauen, ob die kleine Bude überhaupt angenommen wird. Bin erst seit April 2013 damit online. Für eine Entscheidung ist das zu früh.

Nachtrag (Sommer 2016):

Derzeit habe ich das Gefühl, dass das Projekt doch eher eine Lösung wird. Ich habe inzwischen noch einen weiteren Shop (Kieken und Schenken)  auf DaWanda eröffnet und bin außerdem gerade dabei, mich nun auch ein bisschen unabhängig vom DaWanda-Marktplatz zu machen, weil man als Verkäufer zu wenig Einfluss auf die Prozesse hat, die mit einem Onlineshop verbunden sind. Mein unabhängiger Shop heißt "Geschenke aus der Bude Kunterbunt" (www.geschenke-bude-kunterbunt.de) und ist gerade eröffnet. Ich freue mich sehr darauf, ihn nach meinen Vorstellungen zu entwickeln und bin gespannt ;-)